Was ist Schönheit?

Schönheit hat wahrscheinlich allen Völkern der Welt schon den Kopf verdreht oder zerbrochen. Schönheit ist ein Fluch und ein Segen zugleich, denn wer schön sein will, muss leiden. Und wer schön ist… Wer ist denn eigentlich schön? Und welche Schönheitsideale gibt es, zum Beispiel in Afrika? Auf diese Fragen sucht das Museum für Völkerkunde Hamburg Antworten. In der laufenden Ausstellung Africa’s Top Models können Besucher über den rosa Catwalk in die Ausstellung schreiten – spektakulär! Zu bestaunen gibt es afrikanische Frauenbekleidung, Masken, Holzskulpturen und Bilder von afrikanischen Schönheiten. Selbst einen aktuellen Bezug gibt es: ein Make-Up Tutorial einer jungen afrikanischen Frau läuft in einer Ecke stumm vor sich hin.

Schade, dass man nicht hören kann was die Youtuberin sagt. Aus der Stimme eines Menschen kann man viel heraus hören, vor allem Gefühle, auch wenn man die Sprache nicht versteht. Neben dem kleinen Bildschirm auf dem man die afrikanische Youtuberin bewundern kann, und wirklich sie ist eine ganz Hübsche (!), steht ein Frisiertisch mit einem Spiegel. Die Utensilien auf dem Schminktisch sehen aus, als hätte man sie in einem der winzigen Afrikashops gekauft, die sich gewöhnlich in der Nähe eines Hauptbahnhofs befinden. 

Maske eines Frauenkopfs der Chokwe aus der Dem. Rep. Kongo, Foto: Paul Schimweg
Maske eines Frauenkopfs der Chokwe aus der Dem. Rep. Kongo, Foto: Paul Schimweg

In drei schwarzen Kabinen sind Bilder zu je „dem wilden, treuen und erotischen Schwarzen“ ausgestellt. Diese Kabinen darf betreten, wer das 18. Lebensjahr vollendet hat. Im Grunde kann man auch ganz auf sie verzichten, nicht nur als Besucher, zumal sie bloß koloniale Denkmuster wiederholen und festigen. Die schwarzen Kabinen wirken befremdlich, ja deplatziert in dieser Ausstellung, die ja eigentlich die Schönheit aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten will. Denn die Kabinen sagen nichts über die Schönheit aus, sondern sie stellen gänzlich unreflektiert die Vorurteile der Kolonialherren zur Schau, eine bittere Enttäuschung. Damit hätte anders umgegangen werden können. Vielleicht waren die Kabinen der Grund, warum an diesem Tag ein afrikanischer Mitbürger mit unzufriedener Miene das Museum verließ, während wir unsere Tickets bezahlten?

Spielerisch oder doch eurozentrisch?

Zu den verschiedenen Blickwinkeln wurde, ob bewusst oder unbewusst, der koloniale Blickwinkel als gleichwertige Weltsicht hinzugestellt. Es ist ein Nebeneinander entstanden, das Spielerische kommt nicht zur Geltung. Den unmenschlichen und ausbeuterischen kolonialen Fremdenhass neben eine kulturelle Sichtweise zu stellen, wertet den Kolonialismus auf. Es sollte klar sein, dass der Kolonialismus eine grausame Form von Menschenhass ist und kein kultureller Blickwinkel.

„Geht es um Afrika, herrschen in Europa immer noch koloniale Denkmuster vor. Demgegenüber versuchen wir uns als Erste in einer Museumsausstellung den afrikanischen Blickwinkeln auf das Thema“ Was ist Schönheit?“ zu nähern“, sagte der Museumsdirektor Prof. Wulf Köpke. Er hat wahrscheinlich die schwarzen Kabinen in der Ecke gar mit Umkleidekabinen verwechselt. Kein Wunder, schließlich ist ein Laufsteg in der Nähe und der will nicht mit immerzu derselben Kleidung beschritten werden.

Dass das Thema aus afrikanischen Blickwinkeln beleuchtet wird, hat sich das Museum von zahlreichen Afrikaexperten bestätigen lassen. Allerdings haben die Afrikaexperten nur europäische Namen. Ich glaube, der afrikanische Museumsbesucher an dem Tag hatte eine andere Meinung.

Über Farben und Geschmäcker

Toll ist das Wandbild mit der Auflistung von Merkmalen, die man in Afrika schön findet. Dazu gehören ein symmetrisches Gesicht, eine ebene Nase, besondere Körperbemalung und eine insgesamt fülligere Figur mit einem voluminösen Hintern. Merkmale, für die man auch hierzulande jemanden als schön bezeichnet. Auch Zähne die man spitz gefeilt hat und Ziernarben finden manche afrikanische Völker ganz hübsch. Beeindruckend ist auch die ausgestellte afrikanische Kleidung.

In einem glasumschlossenen Denkraum kann der Besucher an der Ausstellung partizipieren. Hier kann man auf einer der Liegen entspannen und den Gedanken freien Lauf lassen. Auf einer Magnetpinnwand finden sich ganz verschiedene Antworten zur Frage der Ausstellung zusammen. Und vielleicht hat jemand ja Lust, nach diesem Beitrag das Museum zu besuchen und uns sein Notizzettel in einem Kommentar zu posten? Die Ausstellung AFRICA’S TOP MODELS läuft noch bis zum 6. November dieses Jahres.

[info_box]Für nur 8,50€, ermäßigt 4€, kann man im Völkerkunde Museum viele tolle Ausstellungen besichtigen. Demnächst und zwar schon am 15. Juli findet die Ausstellungseröffnung SIFNOS …POESIE DES LICHTS statt. Sifnos ist eine griechische Insel, die für ihre Schönheit bekannt ist. Die Ausstellung stellt sich der Herausforderung einen weit entfernten Ort im Museum darzustellen.[/info_box]

Beitragsbildes: Alfred Weidinger

Comments

  1. Hallo Merve,

    vielen Dank für den Blogbeitrag über „Africa’s Top Models“! Wir freuen uns über das Interesse. Die Ausstellung versucht auch schwierigen Themen gerecht zu werden, z.B. indem sie zeigt, wie sehr gesellschaftliche Normen und Schönheitsvorstellungen an Machtstrukturen gekoppelt sind. Die Kabinen sollen daher deutlich machen, dass der koloniale Blick auch heute noch existiert und sich fortsetzt. Daher heben sie sich auch so deutlich von dem Design der restlichen Ausstellung ab.
    Falls dich weitere Ausstellungen im Museum für Völkerkunde interessieren, würden wir dich gern zur Eröffnung der Ausstellung „Sifnos …Poesie des Lichts“ am Fr 15. Juli einladen!

    Viele Grüße

    Julia Daumann, Museum für Völkerkunde Hamburg

  2. Annine says:

    Leider bin ich nicht mal ansatzweise in der Nähe, um mir diese Ausstellung anzusehen. Schade! Es klingt wirklich sehr interessant!

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.