Oder: weshalb der richtige Umgang mit Konflikten besser ist als die krampfhafte Konfliktvermeidung.

"Wir Menschen stehen vor dem Universum, wie die Ameise vor einem grossen majestätischen Palaste. Es ist ein ungeheures Gebäude, unser Insektenblick verweilet auf diesem Flügel, und findet vielleicht diese Säulen, diese Statuen übel angebracht; das Auge eines bessern Wesens umfaßt auch den gegenüberstehenden Flügel, und nimmt dort Statuen, und Säulen gewahr, die ihren Kamerädinnen hier symmetrisch entsprechen. Aber der Dichter male für Ameisenaugen, und bringe auch die andere Hälfte in unsern Gesichtskreis verkleinert herüber; er bereite uns von der Harmonie des Kleinen auf die Harmonie des Grossen; von der Symmetrie des Ganzen, und lasse uns letztere in der erstern bewundern."

(Schiller: Über das gegenwärtige teutsche Theater. In: Benno Wiese (Hrsg.): Schillers Werke. Nationalausgabe. Band 20. Philosophische Schriften. Teil I. Unter Mitwirkung von Helmut Koopmann. Weimar 2001, S. 82f.

Bemerkenswert, wie Friedrich Schiller, dessen irdisches Verweilen zu schnell ein Ende nahm, hier in diesem Zitat darauf aufmerksam macht, wie sittlich geordnet die Welt doch sei. Dass "das Gute" belohnt und "das Schlechte" bestraft werde und dass das Vertrauen in die wohlgeordnete Schöpfung bzw. in das wohlgeordnet Existierende möglich sei.

Nun. Wir leben in einem Zeitalter, in welchem man weder von DEM Guten noch DEM Schlechten schreiben darf - obwohl Mann und Frau von DEM Guten und Dem Schlechten im Alltag durchaus zu reden vermag. Wenn ich aber diese mittlerweile schon instinktive political correctness  des Qualitätsjournalismus beiseite lasse, in mich kehre, und DAS Gute und DAS Schlechte zu bennen versuche, entdecke ich universelles Gut und Böse. Doch bereits ab der ersten Störung dieses Weltbildes - was in der Welt weder zu Schillers Zeiten noch heute schwierig ist - kann dieses Vertrauen in die Wohlordnung gestört werden. Kann verstanden werden, dass das Gute nicht immer belohnt und das Schlechte nicht immer bestraft wird. Zumindest und auf keinen Fall hier auf Erden.

Das zeigt Schiller ja auch - wie beispielsweise in seinen Werken wie "Die Räuber", in welchem der gute Karl Moor sein Vertrauen in die sittliche Ordnung verliert, weil er sich aufgrund eines Briefes, das aus intriganten Absichten des Bruders Franz entstand, von seinem Vater verst0ßen glaubt. Deshalb schließt er sich der Räuberbande überhaupt an. Auch sein Versuch, wenigstens ein "edler Räuber" zu sein scheitert und erst nach seiner Rückkehr nach Hause zu seinem Vater lässt ihn erkennen, dass sein Vater noch lebt und ihn nicht verstoßen hatte; sein Bruder Franz ihn hintergangen hatte.

Hier gibt es zwei Aspekte, die ich für sehr wichtig erachte. Einmal der Prozess der Verfremdung, der den Karl Moor zum "Bösen" werden lässt. Und zum Anderen die Bedeutung des Gesprächs. Nur so können Angelegenheiten erst einmal verstanden und im zweiten eventuell geklärt werden.

Doch VOR der Verfremdung und der Weg zum offensichtlich Schlechtem muss bereits eingegriffen werden. Wenn das nicht möglich ist, danach interventiv; indem das Gespräch - bzw. der Konflikt mit allen Beteiligten gesucht wird. Mit "Konflikt" ist hierbei keineswegs "Streit" gemeint. "Konflikte sind nicht per se etwas schlechtes. Konflikte herrschen, wenn sich Menschen mit etwas auseinandersetzen. Es darf deshalb nicht um Konfliktvermeidung gehen, sondern darum, wie mit Konflikten umgegangen wird", sagte Franziska Brantner (Bundestagsabgeordnete, Bündnis 90/Die Grünen) noch vor wenigen Tagen (am vergangenen Mittwoch, 26.11.14 in Berlin).Und eine Art des Umgangs kann eben genau das Gespräch sein. IST auch das Gespräch. So wie es in Berlin auf der Bildunsgreise (25.11.-28.11.) von einem Teil von uns Denkerinnen auch war. Über diese Berlin-Reise wird noch berichtet werden. Seid gespannt!

(Hier geht's zum Beitrag über unsere Berlinreise, eingefügt am: 22.01.2015)

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Fotoquelle: http://boiwen.blogspot.de/2009_11_01_archive.html

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