Der Individualismus ist ein Phänomen der modernen Zeit, welches garnicht mehr so an sich thematisiert wird. Der Grund hierfür liegt darin, da er stark vergegenwärtigt und integriert im Alltag ist. Er ist der Zeitgeist der Moderne.

Als ich das letzte Mal in ein Café ging, ging ich alleine. Die Tatsache, alleine in dieses Café zu gehen und mein Buch zu lesen war für mich selbstverständlich. Als ich mir meinen Platz ausgesucht hatte und mit meinem Buch angefangen hatte, war noch alles beim Gewohnten. Der Kellner lief einige Male an mir vorbei, nahm aber keine Bestellung auf; ich dachte mir einfach, dass er mir etwas Zeit lässt. Doch nach einer halben Stunde habe ich dann gefragt: "Darf ich bitte bestellen?"

Die Verwunderung konnte er nicht verbergen. Da ich alleine in das Café gekommen war, dachte der Kellner, ich würde noch auf jemanden warten, doch versicherte ich ihm, dass ich lediglich einen Kaffee trinken möchte und mein Buch lesen werde.

Da dachte ich mir, ist es so seltsam alleine in ein Café zu gehen? Ist es nicht gewöhnlich etwas alleine zu unternehmen? Wenn ja, wieso hat es den Kellner so verwundert. Wenn nein, was hat mich dazu gebracht, dies zu machen? Ist es in manchen Gesellschaften nicht üblich? (Das Café befindet sich nicht in Deutschland..)

Es ist nunmal eine Tatsache, dass in der Zeit in der wir uns befinden das Individuum im Zentrum von allem steht. Die Person. Ich.

Was bedeutet Individualität und wieso möchte jedes Individuum seine eigene Einzigartigkeit und Besonderheit hervorheben und unterstreichen? Auf der einen Seite wird es als besonders hervorgehoben doch ist..."das Individuum in seiner Besonderheit, durch das es sich von allen anderen Individuen unterscheidet, ist als solches kein genuiner Gegenstand der Soziologie." (Schäfer, Bernhard, Grundbegriffe der Soziologie, UTB, S.134 f)

Sozialphilosophisch wurde die erste begriffliche Grundbestimmung, insbesondere im deutschen Sozialismus (Kant, Fichte, Hegel), im Begriff der Subjektivität und des Subjekts angesprochen. Hierbei handelt es sich um die selbstständige Bestimmung des Einzelnen, also wie die typische Aussage Kants "unmündige Selbstbestimmung des Einzelnen", sprich das Denken, Handeln, Empfinden das unterschiedlich empfunden und artikuliert wird.

Laut der Bundeszentrale für politische Bildung ist der Individualismus:

"Anschauung, die den einzelnen Menschen (das Individuum) in den Mittelpunkt stellt. Oberster Grundsatz im Individualismus ist die Freiheit des Einzelnen. Soziale Gebilde wie Staat oder Unternehmen werden lediglich als die Summe einzelner Menschen gesehen. Individualismus und Liberalismus sind eng miteinander verbunden, da sich beide Leitbilder an einer Ordnung orientieren, die die Freiheit und den Selbstverantwortungsanspruch des einzelnen Menschen als Naturrecht voraussetzen. Dazu gehört auch die Vorstellung der natürlichen Harmonie, dass also die uneingeschränkte Verfolgung der wirtschaftlichen Einzelinteressen gleichzeitig der Erreichung des größtmöglichen Gemeinwohls dient."

Zwar wird dies alles oben Genannte individuell vollzogen, doch werden diesem Denken, Handeln und Empfinden gesellschaftliche Sozialisationsgrenzen gegeben, durch diese man in bestimmten Gesetzmäßigkeiten das individuelle Handeln beeinflusst. Wie kann man das verstehen? Man spuckt nicht auf öffentlicher Straße auf den Fußboden, da dies gesellschaftlich durch missbilligende Blicke sanktioniert werden kann, auch wenn es dem Individuum danach ist auf den Fußboden zu spucken.

Doch wieso wird dies alles so stark betont. Schon wenn man im Supermarkt einkauft, wird man zum Einzigartigen geführt. Einkaufsregale für Single-Haushalte. Gerichte für 1 Person. Auch im Wohnungsmarkt ist es verstärkt: Single Appartments, Wohnheime mit kleinen Kochnischen, die in einem 2türigem Schrank verstaut werden. Dabei könnte man sich doch einfach in einem Stockwerk mit anderen Mitbewohnern treffen und gemeinsam kochen. Es ist doch keiner gerne alleine? Wer geht schon alleine ins Kino, oder ins Café? Geht man alleine ins Café, wird man lange nicht bedient. Es gibt sogar Filmnamen wie "Zusammen ist man weniger allein", doch wird in den Medien und in der Literatur immer wieder die Betonung auf das Ich und das Individuum gelegt und die Wichtigkeit der Selbsterfüllung und -/findung.

So besteht ein kleiner Widerspruch in diesem ganzen Konstrukt. Auf der einen Seite wird es betont, doch möchte keiner ein Einzelgänger sein. Ein guter Freund hatte eine schöne Veranschaulichung hierfür dargestellt. Die Glasdrehtür sei ein Kunstwerk, welches den Zeitgeist der Moderne darstelle: wieso? Da es nur eine Person pro Kabine zulässt. Also steht man alleine beim Verlassen oder Betreten jenes Gebäudes da; doch da die Wände aus Glas sind sieht man noch seinen Vorgänger und ist nicht "alleine" doch hat man seinen eigenen Raum und ist in seiner individuellen Einzigartigkeit geschützt. Etwas grotesk und paradox. Die Entdeckung dieses Kunstwerks war natürlich nur ein Scherz unter Kommilitonen, doch ist etwas Wahres dran.

Dabei ist es schön, manchmal alleine einen Kaffee in Begleitung eines Buches zu trinken. Genauso ist es auch schön mit guten Freunden einen Kaffee zu trinken und dabei über Gott und die Welt zu quatschen...

 

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